An der gewaltigen Fallbachwand

Ein Klettersteig voller Geschichten und Herausforderungen

Meine Augen streifen über das raue Gestein der majestätischen Fallbachwand, die sich wie eine endlose Skulptur in den Himmel schraubt. Unter mir öffnet sich der Abgrund, eine Mischung aus Ehrfurcht und Bewunderung kommt in mir hoch. Und doch, es ist der weite Blick über das Klostertal, der mir den Atem raubt – eine grenzenlose Schönheit, die sich hinter mir in Gipfeln manifestiert. Doch die Rote Wand, die Königin der Gipfel hier im Tal, versteckt sich noch.

Neu im Klettersteig

Heute wage ich mich zum ersten Mal an die Fallbachwand, Seite an Seite mit Roland Vierhauser. Er, ein Meister seines Fachs, sowohl als Bergführer und Erbauer dieses Klettersteigs als auch als erfahrener Eiskletterer. "Am Fallbach kann man auch Eisklettern. Die Eistouren hier sind unter den längsten in Österreich", erklärt er mir, als wir uns den steilen Pfad emporarbeiten. Seine Worte über das Schwinden der Eisbedingungen hallen als Mahnung des Klimawandels in mir nach.

Roland Vierhauser: Ein Virtuose des Berges

"Dieser Steig hier entstand innerhalb von acht Tagen", erzählt der Bergführer. Ein Zeugnis des handwerklichen Geschicks. Bei jeder überhängenden Passage, jeder Seilklemme, fühle ich die Verbindung zur Wand und den Respekt vor dieser Arbeit. "Wir verlegten zuerst ein Statikseil als Sicherungs- und Fluchtweg." Ich schaue in den Abgrund und spüre das Kribbeln der Gefahr. "Ohne diese umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen vorab wäre dieses Projekt undenkbar gewesen." "War der Materialtransport ein Kraftakt?", frage ich, während ich an einem Seil ziehe. Roland lächelt: "Ohne den Helikopter wäre es unmöglich gewesen. Wir richteten vier Depots ein, von denen wir Material strategisch verteilten."

Im Bann des Wasserfalls

Wir erreichen einen Abschnitt, wo der Wasserfall buchstäblich auf der Haut zu spüren ist. "See Spray", nennt es Roland, "mein Lieblingsabschnitt, besonders nach Regenperioden." Hier, inmitten der Naturgewalten, verstehe ich die wahre Bedeutung von Rolands Werk – es ist eine Hommage an das Alpine Wasserreich Klostertal. Der Klettersteig offenbart seine wahre Pracht – von der Rastbank aus blicke ich ins Tal, wo die Dörfer wie Perlen an einer Schnur liegen. "Im Frühling, wenn die Schneeschmelze beginnt, ist es hier am schönsten", sagt Roland. "Nicht nur das Wasser, sondern auch die Blütenpracht im Fels überrascht jeden."

Was machen die dreckigen Schuhe hier?

Erschöpfung meldet sich, als wir den Abschnitt "Dirty Shoe Corner" erreichen. "Benannt nach diesen Schuhen hier", deutet Roland auf ein mysteriöses Paar festgebundene Schuhe. "Ein kleines Geheimnis des Klettersteigs." Ich muss schmunzeln.

Als wir das Ziel erreichen, blicke ich zurück auf die Rote Wand. "Geschafft", atme ich. Roland nickt: "Wirklich geschafft ist es, wenn wir wieder unten sind." Der Abstieg erfordert noch einmal volle Konzentration. Unten angekommen, verabschiede ich mich von Roland und seinen Geschichten, die mir eine neue Perspektive auf das Bergsteigen und den Respekt vor der Natur eröffnet haben.